Rechnungsstellung in der Türkei – Ein Albtraum?

Wer hierzulande als Freelancer arbeitet, der stellt am Ende eines Projekts oder eines Monats eine Rechnung aus. Je nach Kunde wird diese innerhalb von 14 bis 60 Tagen beglichen. Wem die zwei Monate zu lang sind, hat die Möglichkeit, einen Factoring-Dienst in Anspruch zu nehmen.

Was ist Factoring?

Dabei wird die Rechnung quasi an eine Bank „verkauft“. Diese übernimmt diese mit einem Abschlag z.B. von 4% und kümmert sich anschließend um eventuelles Mahnverfahren etc. Der Freelancer muss nicht auf sein Geld warten und ist gleich liquide. Meist hat er nämlich selbst schon Verpflichtungen.

Projektabschluss in der Türkei

In der Türkei ist der Projektabschluss nicht unbedingt gleichbedeutend mit Rechnungsstellung. Dort muss man erst fragen, ob man die Rechnung stellen darf.

Wie? Ich habe ein Projekt abgeschlossen und muss um Erlaubnis fragen, ob ich dann meine Arbeit bezahlt bekommen kann? Ja genau. Mehr oder weniger läuft es so ab.

Ist das nicht ungerecht? Ja ist es. Aber du kannst als Freelancer, der auf Projekte angewiesen ist, nicht viel dagegen ausrichten. Der Auftraggeber will so lange wie möglich selbst liquide bleiben.

Aus der Praxis

Ein Beispiel soll das Businessverständnis in der Türkei verdeutlichen. Ein Freelancer erhält über einen Vermittler einen Job. Er führt ihn aus und stellt dem Auftraggeber gleich danach eine Rechnung. Dieser beschwert sich beim Vermittler darüber.

Der Freelancer hat keine andere Wahl als zu warten. Würde er auf seinem Recht pochen und eventuell ein Mahnverfahren starten, würde er sich damit nur selbst ins Fleisch schneiden. Denn die jeweiligen Sektoren in der Branche sind klein, man kennt sich. Schnell würde sich ein solches Vorgehen herumsprechen. Der Freelancer würde nicht mehr beauftragt werden.

Stattdessen fragt er die Monate nach Projektabschluss immer wieder einmal freundlich an, ob er denn seine Rechnung schicken darf. Das kann zwei Monate dauern, aber auch sechs. In dieser Zeit muss er schauen, wie er über die Runden kommt.

Gibt der Auftraggeber dann grünes Licht, erstellt er die Rechnung. Diese wird erfahrungsgemäß auch unmittelbar danach bezahlt.

Die Verhandlungsmacht

Viel kannst du an der Situation nicht ändern. Selbst größeren Firmen ergeht es ähnlich. Auch sie müssen z.T. sechs Monate auf eine Entlohnung ihrer Arbeit warten. Diese Situation ist natürlich ungerecht und auch unislamisch. Denn im Islam gilt: Gib‘ dem Arbeiter seinen Lohn, noch bevor sein Schweiß getrocknet ist.

Die Lösung ist zu wachsen, sich einen Namen in der Branche zu machen, um so die Macht bei den Verhandlungen innezuhaben. Bis dahin muss man aber als Freelancer erst einmal durchhalten.

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